Ein Drachen, der Strom erzeugt

Landrat Dr. Jens Mischak besichtigt innovatives Pilotprojekt in Nieder-Gemünden


Vogelsbergkreis. Ein ungewöhnlicher Anblick bietet sich momentan nahe Nieder-Gemünden: Ein großer Drachen fliegt elegant kreisend am Himmel über einem Acker. Doch dieser Drachen ist kein gewöhnliches Spielzeug – er repräsentiert die Zukunft der Energiegewinnung. Landrat Dr. Jens Mischak hat sich nun gemeinsam mit Regierungspräsident Dr. Christoph Ullrich ein Bild von dem innovativen Vorhaben der Firma EnerKite im westlichen Kreisgebiet gemacht. 

Denn es ist eine Besonderheit, die dort mitten auf dem freien Feld steht: Das Startup-Unternehmen aus Brandenburg erschließt eine neue Dimension der Windkraftnutzung. Statt großer, starrer Windräder nutzt es sogenannte Kites – zu Deutsch Drachen, die über Nylon-Seile mit einem Generator am Boden verbunden sind.  Durch eine achtförmige Flugbewegung erzeugt der Kite eine Zugkraft, sodass beim Abrollen der Seile von den Seiltrommeln die darinsitzenden Generatoren angetrieben werden und Strom erzeugen. Die überschüssige Energie, die nicht selbst genutzt wird, kann ins Netz eingespeist werden.

„Diese Technologie ist ein Meilenstein für nachhaltige Energieerzeugung“, betonte Dr. Jens Mischak während seines Besuchs. „Gerade für den ländlichen Raum bieten solche Innovationen enorme Chancen, klimagerecht und wirtschaftlich zugleich zu handeln.“

Für den praktischen Einsatz sorgt ein lokaler Vorreiter: Die Firma Seipp & Kehl aus Nieder-Gemünden plant, ab 2027 den sauberen Strom der Flugwindkraft direkt für die eigene Produktion zu nutzen. Zu den Beweggründen sagte Geschäftsführer Marc Schneider: „Wir haben nach einer wirtschaftlichen und klimagerechten Antwort auf die stark gestiegenen Energiekosten gesucht. Bei der Recherche bin ich auf EnerKite gestoßen – für uns klang das nach einer hervorragenden Lösung.“

© Jennifer Sippel / Vogelsbergkreis
Landrat Dr. Jens Mischak (links) und Regierungspräsident Dr. Christoph Ullrich ließen sich von Marc Schneider, Geschäftsführer von Seipp & Kehl, zeigen, wie viel Strom die Flugkraftanlage für seinen Betrieb erzeugen kann.

Momentan dreht der Drachen im Rahmen von Testreihen noch unterhalb einer Höhe von 100 Metern seine Runden. „Für noch höhere Flüge läuft derzeit das Genehmigungsverfahren“, erläuterte EnerKite-Geschäftsführer Florian Breipohl.

Denn gerade in größeren Höhen entfaltet der Kite sein volles Potenzial. Vorstandsmitglied Nicole Werner ergänzte: „In Höhen zwischen 200 und 300 Metern weht der Wind nicht nur viel stärker, sondern auch wesentlich stetiger. Wenn der Kite erst einmal richtig aufsteigen darf, wird er bei einem Bruchteil des Materialeinsatzes mehr und konstanteren Strom liefern als ein herkömmliches Windrad.“ Liegen die finalen Beschlüsse vor, wird in Nieder-Gemünden die weltweit erste Anlage dieser Art im Regelbetrieb stehen.

Auch Regierungspräsident Dr. Christoph Ullrich zeigte sich bei dem Ortstermin sichtlich beeindruckt vom Potenzial des Projekts: „Solche mutigen und innovativen Ansätze sind essenziell, um die Energiewende dynamisch und akzeptanzorientiert voranzutreiben. Es freut mich außerordentlich, dass der Vogelsbergkreis hier eine Vorreiterrolle einnimmt und zeigt, wie Spitzentechnologie in Hessen Fuß fassen kann.“ Mit Blick auf die behördlichen Abläufe fügte der Regierungspräsident hinzu: „Neue Wege erfordern oft auch neues Denken in den Genehmigungsverfahren. Unser gemeinsames Ziel ist es, solche zukunftsweisenden Technologien sicher, aber auch zügig an den Start zu bringen.“

© Jennifer Sippel / Vogelsbergkreis
Landrat Dr. Jens Mischak (Mitte) und Regierungspräsident Dr. Christoph Ullrich (links) sahen sich den Kite einmal aus der Nähe an. Marc Schneider, Geschäftsführer von Seipp & Kehl, erläuterte den Nutzen für seinen Betrieb.

Sollten die verbleibenden Prüfungen erfolgreich abgeschlossen werden, könnte aus dem Drachen über Nieder-Gemünden schon bald ein international beachtetes Modell für die Energieversorgung von morgen werden.

Landrat Dr. Jens Mischak unterstrich abschließend die Bedeutung des Vorhabens für die gesamte Region: „Pioniergeist wie dieser zeigt, dass die Energiewende im ländlichen Raum nicht nur auf dem Papier stattfindet, sondern vor Ort mit intelligenten Lösungen gestaltet wird. Wenn Innovation, regionale Wertschöpfung und aktiver Klimaschutz so ineinandergreifen, schaffen wir echte Zukunftsperspektiven für unseren Wirtschaftsstandort Vogelsberg.“