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Erschöpfte Einzelkämpfer und verwaltete Arme - Treffen im Netzwerk Frühe Hilfen Vogelsbergkreis

18.12.2014 Von: Pressestelle Vogelsbergkreis

Prof. Dr. Jörg Fischer von der FH Erfurt sorgte mit seinem erfrischenden Referat zum Thema „Unsere Familien in den Frühen Hilfen“ für den Input zur anschließenden Gruppenarbeit der Netzwerker. Fotos: Gabriele Richter, Pressestelle Vogelsbergkreis.

Vortrag und Workshops zum Hinterfragen von Angebot und Adressaten

„Wer sind denn eigentlich die Adressaten unserer Arbeit bei den Frühen Hilfen? Was heißt denn „sozial schwach“? Müssen wir nicht unseren Blick weg von den vermeintlichen Defiziten wenden?“ Das sind nur einige der Fragen, mit denen Prof. Dr. Jörg Fischer (FH Erfurt) bei seinem Vortrag Allgemeinplätze und vermeintlich klare Kategorien kritisch hinterfragte. Er referierte auf dem zweiten Netzwerktreffen der „Frühen Hilfen“ zum Thema „Familien im Blick gelingender Netzwerkarbeit Früher Hilfen“ und erntete viel zustimmendes Kopfnicken von den rund 40 Vogelsberger Netzwerkern.

Zu Beginn machte der Referent deutlich, dass es sich bei den Frühen Hilfen nicht um vorgelagerte Kinderschutzmaßnahmen handelt, sondern um ein Angebot für alle Eltern mit Kleinkindern, „völlig unabhängig von irgendwelchen Schichten und Milieus“. Der Blick werde auch in der Sozialen Arbeit gerne nur auf die Defizite gerichtet, und es werde in ganz selbstverständlichen Kategorien gedacht, die oftmals einer objektiven Überprüfung nicht standhielten.

Am umstrittenen politischen Schlagwort der „neuen Unterschicht“ macht er deutlich: „Die Gesellschaft meint damit nicht mehr nur materielle Armut, sondern unterstellt den Betroffenen eine eigene Schuld an ihrer Situation – aus der sie angeblich auch gar nicht herauskommen wollen“, so Professor Fischer. Dabei gebe es ganz viele Menschen, die faktisch in Armut lebten, die aber „alles dafür tun, dass es ihnen niemand anmerkt und die damit täglich um den Erhalt ihrer Würde kämpfen“.

Seiner Meinung nach haben es die Akteure der Frühen Hilfen überwiegend mit zweierlei Menschen zu tun: mit den „verwalteten Armen“ und den „erschöpften Einzelkämpfern“. Die „verwalteten Armen“ – die charakterisiert sind durch generationsübergreifende Armut, niedrige Alltagskompetenzen, eher geringe Erwerbsorientierung und eine ausgeprägte Hilflosigkeit in Erziehung und Bildung – machten laut Professor Fischer gerade einmal 10 – 15 Prozent der Menschen aus.

Eltern einbeziehen, für Entlastung sorgen

„Es sind die erschöpften Einzelkämpfer, die Ihre Unterstützung am Meisten benötigen“, ist sich der Referent sicher. Zu den „erschöpften Einzelkämpfern“ zählen vor allem Alleinerziehende und Paare mit Kindern, die übermäßige Arbeitsbelastung im Familien- und Berufsalltag erleben ohne von ihrem Einkommen leben zu können, und die wegen der hohen Belastung zu Krankheit neigen und „schlicht und einfach erschöpft sind und keine passende Unterstützung haben“.

In drei Arbeitsgruppen beschäftigten sich die Teilnehmenden mit Fragestellungen rund um die „erschöpften Einzelkämpfer“: Was wäre in der Arbeit mit dieser Zielgruppe wünschenswert? Was ist realistisch, wo sind die Grenzen? Fazit nach den Workshops war: Einiges was Familien nach Ansicht der Fachkräfte brauchen könnten, sei schon vorhanden, wenn auch nicht flächendeckend, weitere Angebote standen auf der Wunschliste der Netzwerker.

Professor Fischer plädierte abschließend dafür, Eltern in die Planungen einzubeziehen und sich vom Wunsch nach flächendeckenden Angeboten zu verabschieden. „Wichtig ist die Entlastung dieser Eltern und der Abbau von Hemmschwellen, die vorhandenen Angebote in Anspruch zu nehmen“, meinte der Referent. Und: Bei der Arbeit ruhig auch neue Wege gehen, zum Beispiel, indem man Arbeitgeber und Prominente für die Frühen Hilfen sensibilisiert und neue Kooperationspartner gewinnt.

„Der Nachmittag war äußerst interessant: dynamisch, durch den Beitrag von Professor Fischer auch irritierend und polarisierend, dabei aber sehr motivierend“, fasst Netzwerkkoordinatorin Anett Wunderlich ihren Eindruck zusammen. Um die Aufgaben zu konkretisieren, die Professor Fischer für das Netzwerk Frühe Hilfen im Vogelsbergkreis sieht, soll es eine weitere Veranstaltung geben.

Weitere Infos zum Netzwerk Frühen Hilfen sind unter www.familienservice.vogelsbergkreis.de zu finden. Ansprechpartnerin im Familienservice Frühe Hilfen Vogelsbergkreis ist Anett Wunderlich, Telefon 06641/977-4093, anett.wunderlich(at)vogelsbergkreis.de.

Aufmerksames Zuhören während des einleitenden Vortrags von Professor Fischer.