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Pflege alter Menschen im Wandel - Vortrag von Prof. Dr. Klie in der Sparkassen-Aula

23.06.2000 Von: Pressestelle Kreisverwaltung Vogelsberg

Professor Klie: Individualität und

Solidarität als Herausforderung

Experte referierte in der Sparkassen-Aula

zum Thema "Pflege alter Menschen im Wandel"

VOGELSBERGKREIS ( ). Die individuellen Bedürfnisse alter Menschen ernst nehmen und gleichzeitig die notwendige Solidarität durch die verantwortliche Politik organisieren - das war das Leitmotiv eines Fachvortrags von Professor Dr. Thomas Klie von der Evangelischen Fachhochschule Freiburg, der auf Einladung von Landrat Rudolf Marx nach Lauterbach in die Sparkassen-Aula gekommen war. Kreisbeigeordneter Klaus Schönfeld begrüßte den Experten, der seit über zehn Jahren Berührungspunkte mit dem Vogelsbergkreis hat, nicht zuletzt durch die Altenhilfeplanung. Professor Klie lobte dabei den Vogelsbergkreis: "In der deutschlandweiten Debatte um die Altenhilfeplanung kommt der Vogelsbergkreis immer wieder vor." Viele gute Entwicklung zum Nutzen der Betroffenen seien hier bereits eingeleitet worden.

Der Koordinator für ambulante Pflegedienste im Kreis-Sozialamt, Norbert Roth, der auch für die Umsetzung des Bundesmodellprojektes Altenpflege verantwortlich zeichnet, moderierte die Veranstaltung und betonte die Notwendigkeit, sich auf die veränderten Bedingungen einzustellen: "Auch im Vogelsbergkreis wird auf mittlere Sicht das Helferpotenzial, das aus der Familie kommt, wegbrechen." Professor Klie stellte die Frage: "Wie reif ist unsere Zivilgesellschaft, wie gehen wir mit Menschen um, die durchs Netz fallen?" Seine Antwort gab er gleich eindeutig: "Politik hat Zugehörigkeit zu garantieren."

Die etwa 60 Zuhörerinnen und Zuhörer, unter ihnen Landtagsabgeordneter Bernhard Bender, sahen sich während des Referats mit manchen Thesen konfrontiert, die der Professor für öffentliches Recht und Gerontologie (Alterns-Forschung) bewusst provokant formuliert hatte. So ist er beispielsweise nicht der Meinung, dass der Anteil von ausgebildeten Fachkräften im Pflegebereich allein schon Garant für die Qualität der Pflege sei. Auch nicht ausgebildete Kräfte trügen mit einem hohen Anteil an Eigenmotivation zum Gelingen einer Pflege bei, die auf die individuellen Bedürfnisse der alten Menschen Rücksicht nehme. Bei aller Wertschätzung pflegender Familienangehöriger müsse dennoch jedem klar sein, dass wir einen Wertewandel durchleben, die Lebensstile sich ändern und immer mehr Ein-Personen-Haushalte das Bild prägen. Man müsse nicht moralisch darüber richten, wenn heute nur noch 13 Prozent der jetzt 40-Jährigen erklärten "Wir werden später unsere Angehörigen in dem Fall pflegen". Um so mehr müsse es die Zivilgesellschaft schaffen, diesen Spagat zwischen Freiheit und Solidarität nicht zu einer Zerreißprobe werden zu lassen.

Gerade die kommunale Politik will Professor Klie hier nicht aus der Verantwortung entlassen. Die alten Menschen und auch die pflegenden Familienangehörigen bräuchten dringend eine neutrale Stelle, die auf dem Pflegemarkt Orientierung geben könne. Aufgabe der Politik sei aber auch, all jene ehrenamtlichen Kräfte zu stärken, die Altenpflege überhaupt erst möglich machen, denn ausschließlich professionelle Pflege sei für die Gesellschaft schlicht nicht bezahlbar. Professor Klie tritt für eine ganzheitliche pflegerische Grundausbildung ein. Pflege sei nicht nur ein Handwerk, sondern vor allem "Interaktions-Kunst". Nur wer diesen Anspruch verwirkliche, könne gewährleisten, dass die Pflege-Qualität hoch sei.

Einmal mehr wies der Professor auf den demographischen Faktor hin: Immer mehr ältere Menschen werden in der Zukunft immer mehr Pflege und Hilfe brauchen. Zur Wirklichkeit gehöre daneben bereits jetzt, dass ein - zwar unterschiedlich verteiltes - großes Geldvermögen vielen Senioren eine "späte Freiheit" bzw. ein "buntes Alter" durchaus ermögliche. Hier lägen auch Ressourcen für die Organisation von notwendiger Pflege.

Thomas Klie plädierte dafür, die "legitimen Rechte der Pflegenden" zu achten. Es gelte, den eingetretenen Wertewandel nicht zu beklagen, sondern öffentlich zu diskutieren, sich dieser Realität zu stellen. Von hoher Bedeutung für Professor Klie ist der Begriff der "aktivierenden Pflege", der mittlerweile berechtigterweise zum Qualitätsstandard geworden sei. Klie sieht die bisherige Einstufungspraxis des Medizinischen Dienstes nicht als Modell für die Zukunft. Bei Einführung der Pflegeversicherung seien MDK und Richtlinien unverzichtbarer Bestandteil gewesen. Zukünftig müsse es im Interesse der alten Menschen erreicht werden, dass verschiedene Berufe in vernetzter Arbeitsweise die notwendige Pflege individuell und professionell "managen". Die jetztigen Richtlinien seien zu bürokratisch, es handele sich um "Prozeduren des Misstrauens".

Um die Herausforderungen der Zukunft zu meistern, können es nur einen "Mix von Verantwortung" geben. Bürgerschaftliches Engagement müsse deutlich mehr unterstützt werden. Professionelle Helferinnen und Helfer blieben natürlich unverzichtbar, ihre Bedeutung steige sogar, sie müssten aber um Ehrenamtliche ergänzt werden, je mehr die Familienpflege zurückgehe. Die Verantwortung der Kommunalpolitik liege in der Moderation innerhalb des Gemeinwesens, Beistand müsse zuverlässig sichergestellt werden. Die Politik vor Ort müsse die Menschen fachlich begleiten in Fragen der Pflege. Ein unabhängier Betreuuer soll helfen bei der Frage: "Was ist gut für mich, und was gibt es überhaupt alles auf dem Markt?" Klie wünscht sich eine öffentliche Debatte über die Frage: "Wie schaffen wir das gemeinsam?", die Bestandteil einer neuen Pflegekultur wäre. Ein hauptamtlicher Betreuer müsste dann auch der "Stabilisator des unverzichtbaren bürgerschaftlichen Engagements" sein.