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Praxisforum Ärzteversorgung - Landrat Marx stellte Vogelsberger Konzept vor - Wirtschaftsminister und Sozialminister loben Vogelsberger Initiativen

26.01.2012 Von: Pressestelle Vogelsbergkreis

Rede Landrat Rudolf Marx / Pressemitteilung des Wirtschaftsministeriums

Kompetenznetz Vitale Orte 2020 - Hessen-Agentur

Praxisforum: Ärztliche Versorgung auf dem Land

25. Januar 2012, Forum Friedrichsdorf, Friedrichsdorf-Köppern

Rede Landrat Rudolf Marx

Sehr geehrter Herr Staatsminister Posch,
sehr geehrter Herr Staatsminister Grüttner,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

eine zuverlässige und flächendeckende ausreichende ärztliche Versorgung gehört zu den zentralen Kriterien der Daseinsfürsorge. Dies ist in einem ländlichen Landkreis deutlich schwieriger zu realisieren als in einer vergleichbaren kleinen Großstadt. Der Vogelsbergkreis ist der drittgrößte Landkreis in Hessen – aber er ist mit Abstand der Landkreis mit der dünnsten Besiedlung.

Herausforderung dünne Besiedlung

Um den Sachverhalt der „Ausdehnung“ anschaulich zu machen: die Stadt Koblenz hat 107.000 Einwohner, die auf einer Fläche von 105 Quadratkilometern wohnen. Der Vogelsbergkreis beherbergt seine 109.000 Einwohner auf 1.500 Quadratkilometern. Eine zusätzliche Brisanz in der demografischen Entwicklung, liegt in den großen Distanzen zwischen den Wohn- und Handlungsorten. 19 Städte und Gemeinden im Vogelsbergkreis verteilen sich auf 185 Ortsteile. Die größten Städte Alsfeld und Lauterbach haben gerade mal 16.000 bzw. 14.000 Einwohner. Arztpraxen werden geschlossen, weil kein Nachfolger gefunden werden kann. Selbst in den Krankenhäusern wird es immer schwieriger, die Assistenzarztstellen zu besetzen.

Politische Initiativen beim HLT

Bereits im Jahre 2009 habe ich als Präsidiumsmitglied des Hessischen Landkreistages die hochrangige Behandlung des Themas angemahnt. Zwischenzeitlich gab es etliche sehr gute Gespräche zwischen der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen (KV) und dem Landkreistag sowie erste Vereinbarungen. Es geht vorrangig um eine wirklichkeitsnähere, sprich: kleinräumigere Planung, die den besonderen Anforderungen des ländlichen Raumes genügt. 

Fachliche Initiativen des Bündnisses für Familie
und von Kreis-Fachämtern

Parallel zu meinen politischen Interventionen hat das Lokale Bündnis für Familie im Vogelsbergkreis, das im Jahr 2008 von rund 100 sehr aktiven Fachleuten und Ehrenamtlichen gegründet worden war, wesentliche Initiativen gestartet, die bis heute nachwirken, die einen verstetigten vertrauensvollen Prozess in Gang gebracht haben.

Die von mir eingesetzte Lenkungsgruppe Demografie und die Projektgruppe „Ärztliche Versorgung“ in Verbindung mit dem Bündnis für Familie haben einen pragmatischen Handlungskatalog wegen des drohenden Ärztemangels im ländlichen Raum erarbeiten lassen. Dieses Konzept war LEADER-förderfähig, so dass ich Ihnen heute gerne und auch mit einem gewissen Stolz berichten kann, dass der Landkreis für netto insgesamt nur 10.000 Euro einen ganzen Strauß von Maßnahmen und Aktionen auf den Weg bringen konnte.

Ergebnis:

• Regional gestütztes Gutachten
• Gesundheitskonferenz
• Beteiligung an der Klinik-Kontaktmesse der Uni Gießen
• stetig tagender Arbeitskreis „Ärztliche Versorgung“ unter Federführung des Gesundheitsamts

Für diesen überschaubaren Betrag von 10.000 Euro konnten wir realisieren:

Ein mit niedergelassenen Ärzten des Landkreises abgestimmtes Handlungskonzept eines im Vogelsberg ansässigen Kinderarztes und Gesundheitsökonomen, eine professionell moderierte Gesundheitskonferenz mit über 100 Teilnehmern sowie die Teilnahme an der Klinik-Kontakt-Messe in Gießen, bei der wir auf die Vorzüge unserer integrierten Weiterbildung zum Allgemeinmediziner und auf den hohen Wohn- und Freizeitwert unserer Region aufmerksam machen konnten. Ein professioneller Flyer, der mit allen Beteiligten abgestimmt war, wies selbstbewusst auf die Besonderheiten hin. Aus der Gesundheitskonferenz heraus bildete sich eine Arbeitsgruppe von niedergelassenen Ärzten, den regionalen Krankenhäusern und Vertretern der Bürgermeister. Ich sprach schon von Vertrauen und Verstetigung. Das ist der Beleg: Diese hochkarätige Arbeitsgruppe tagt unter Federführung unserer Gesundheitsamtsleiterin engmaschig etwa alle zwei Monate.

Meine Damen und Herren,

Mein Ziel war und ist es, den Zustand der schwieriger werdenden Ärzteversorgung auf dem Land nicht einfach zu beklagen oder auf „höhere Ebenen“ zu schimpfen – die Einbindung regionalen Sachverstands kann offenkundig konkrete Lösungsvorschläge in eine pragmatische, realistische Konzeption münden lassen, die für den Vogelsbergkreis passt und bei allen Akteuren, zumal den hier niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten, Akzeptanz findet. Ich bin sehr optimistisch, dass dieses von meinen Fachleuten in Angriff genommene Konzept im Standortwettbewerb der kommenden Jahre eine wesentliche Bedeutung haben kann.

Teil der Demografiepolitik

Das Ganze ist ein Teil der ohnehin unverzichtbaren Demografiepolitik. Unser Landkreis muss für die Menschen, die hier leben, und für die, die kommen sollen, attraktiv sein. Zuverlässig attraktiv. Was allgemein für Familien oder Unternehmen gilt bei der Suche nach dem besten Standort, gilt natürlich auch für junge Ärztefamilien, die sich bei uns niederlassen sollen. Sie müssen sich darauf verlassen können, dass das Angebot an Schulen gut ist, dass es genug Kindergarten- und Hortplätze gibt, und dass darüber hinaus ausreichende Möglichkeiten existieren, Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren. Bedeutsam sind ebenfalls ÖPNV, Freizeit- und Kulturangebote.

Zwei Drittel der ausgebildeten Ärzte sind Frauen. Die Wirklichkeit von Ärztefamilien hat sich stark gewandelt. Dies haben wir zur Kenntnis zu nehmen. Exemplarisch an den Ärztefamilien wird deutlich, dass wir als Kreis- und Kommunalpolitiker in einer dauerhaften Pflicht sind, die notwendigen Angebote an die Lebenswirklichkeit anzupassen. Das ist sozusagen die Grundlage, die stimmen muss. Vereinbarkeit des hochverantwortungsvollen Berufs mit dem legitimen Recht auf gutes Familienleben mit verlässlichen Freizeitanteilen – und hierzu konkrete Angebote machen – das wird der Knackpunkt werden, um junge Medizinerinnen und Mediziner an unseren schönen Vogelsbergkreis zu binden.

Kernpunkte des Konzepts

Ein niedergelassener Kinderarzt und Gesundheitsökonom im Kreis sammelte Daten und Fakten, wie die Anzahl der Patienten pro Hausarzt in den einzelnen Gemeinden und die Altersverteilung der Hausärzte. Außerdem listete er die absehbaren Veränderungen in der hausärztlichen Versorgung der Zukunft auf: So studieren seit Jahren mehr junge Frauen als Männer Medizin. Es ist also unvermeidlich, dass es auch bald mehr Hausärztinnen als Hausärzte geben wird. Und gleichzeitig ist der Trend von der Einzelpraxis zu einer größeren Einheit erkennbar, z.B. Praxisgemeinschaft oder Gemeinschaftspraxis. In dem Konzept wird nun eine weitere Möglichkeit vorgestellt: der Praxisinhaber als Unternehmerarzt, der andere Ärztinnen und Ärzte – auch in Teilzeit – anstellt. Die ärztlichen Bereitschaftsdienste für die Nächte und Wochenenden sollten regional geregelt werden, wobei sich die niedergelassenen Kollegen beteiligen können, aber auch Ärzte engagiert werden können. Damit wird gerade Ärztinnen mit kleinen Kindern die Möglichkeit geboten, in Teilzeit zu arbeiten, ohne Nacht- und Wochenenddienste leisten zu müssen und ohne das unternehmerische Risiko einer Einzelpraxis tragen zu müssen. Damit können auch Ärztinnen zur Mitarbeit gewonnen werden, die sonst eine Babypause einlegen müssten.

Die Empfehlungen aus dem Konzept in Stichworten:

• Koordination hausärztlicher Versorgungskapazitäten
• Koordination Arztpraxen/Krankenhäuser in der Weiterbildung junger Ärztinnen und Ärzte zu Allgemeinmedizinern
• Angestellte Ärztinnen und Ärzte (ermöglichen u.a. Arztfamilien-freundlichere Arbeitszeiten – weiterer wichtiger Folge-Effekt: die Arztpraxis wird gesichert, erfährt eine Wertsteigerung, ist später besser vermarktbar in der Nachfolge)
• Aufgliederung in Regelversorgung und Bereitschaftsdienst  
• Integration neuer Formen der ambulanten Betreuung, auch durch Fachpflegekräfte
• Einrichtung einer Koordinierungsstelle zur Bewältigung der aufgestellten Schritte
• Zur Finanzierung (u.a.): Gründung einer Stiftung oder eines Fördervereins, dem alle angehören, die von der hausärztlichen Versorgung Vorteile haben

Gesundheitskonferenz im Herbst 2010

Nachdem das Konzept zur Sicherstellung der hausärztlichen Versorgung im August 2010 der Kreisverwaltung vorgelegt wurde, sollte es auch einem größeren Kreis von Personen vorgestellt werden. Das Gesundheitsamt wurde beauftragt, am 3. November 2010 eine Gesundheitskonferenz für den Landkreis durchzuführen. Eingeladen wurden niedergelassene Ärzte, Krankenhausvertreter, Vertreter der Ärztekammer, der kassenärztlichen Vereinigung, des Sozialministeriums, des Hessischen Landkreistages, der Kreisausschuss und die Bürgermeister. Insgesamt wurden circa 200 Personen eingeladen, von denen die Hälfte zusagte.

Ergebnis der Konferenz: Arbeitskreis unter
Federführung des Gesundheitsamts

Um nach den Vorträgen eine Ideensammlung in dieser großen und heterogenen Gruppe möglichst effektiv zu gestalten, wurde eine professionelle Moderation engagiert. Und so wurde die aktuelle Situation der Ärzte in Praxis und Krankenhäusern geschildert und dann das  Konzept zur Sicherstellung der hausärztlichen Versorgung vorgestellt. Danach wurden die Teilnehmer in kleinen Gruppen gebeten, ihre Vorschläge zu verschiedenen Fragen zum Thema schriftlich niederzulegen. Es wurden mehrere Pinnwände gefüllt. Und es wurde ein Arbeitskreis gegründet, der die Thematik bearbeitet. Er besteht aus knapp 20 Teilnehmern, nämlich niedergelassenen Ärzten, Krankenhausvertretern, Bürgermeistern und Vertretern aus der Kreisverwaltung.

Wesentliche Themen des Arbeitskreises: Organisation der Bereitschaftsdienste und Weiterbildung zum Allgemeinmediziner

Seit Januar 2011 tagt dieser Arbeitskreis unter Federführung des Gesundheitsamtes und benannte zunächst als Schwerpunktthemen die Frage der Gestaltung der ärztlichen Bereitschaftsdienste und die reibungslose Abwicklung der Weiterbildung zum Allgemeinmediziner.

Bis heute gibt es im Kreis noch Hausärzte, die keiner Bereitschaftsdienstzentrale angehören und sich Tag und Nacht um ihre Patienten kümmern. Dies ist sicherlich ein Auslaufmodell, und eine solche Praxis wird kaum zu veräußern sein. Damit entgeht dem Praxisinhaber der Erlös; und damit verlieren seine Patienten ihre Behandlungsmöglichkeit. Dies wird den Ärzten immer klarer. Und die Diskussion um die Vergrößerung der Bereiche der verschiedenen Bereitschaftsdienstzentralen wurde auch im Arbeitskreis geführt.  Die Anbindung der Bereitschaftsdienstzentralen an die Krankenhäuser wurde von allen Teilnehmern als sinnvoll angesehen, und dies erleichterte die späteren Verhandlungen der Vertragspartner.

Integrierte Weiterbildung

Um Allgemeinmediziner zu werden, ist nach dem Studium und der Approbation als Arzt eine mehrjährige Weiterbildung im Krankenhaus und auch in einer Praxis erforderlich. Die künftigen Hausärzte müssen sich also mehrfach bewerben und eventuell umziehen, was viel Zeit und Kraft kostet. Im Arbeitskreis wurde angeregt, für den Vogelsberg eine so genannte „integrierte Weiterbildung“ anzubieten. Interessierte Ärzte können ihre komplette Weiterbildung zum Allgemeinmediziner - ohne Wartezeit und ohne Umzug - innerhalb des Landkreises durchführen. Damit wollen wir junge Ärzte in Krankenhäuser und Praxen holen und wir hoffen, dass sie auch nach ihrer Weiterbildungszeit bei uns bleiben und eine  Praxis übernehmen. 

Selbstbewusste Aktion an der Uni Gießen – Direkte
Werbung bei Medizinstudenten (Klinik-Kontakt-Messe)

Im Arbeitskreis wurde vereinbart, dass Vertreter aller drei Krankenhäuser und der niedergelassenen Ärzte gemeinsam einen Stand auf einer Jobbörse für Medizinstudenten betrieben. Im Vorfeld dazu wurde ein Flyer zusammengestellt, in dem sich die drei Krankenhäuser und die niedergelassenen Ärzte mit Ansprechpartnern vorstellen.
Das Besondere am Vogelsberg: hier arbeiten niedergelassene Ärzte und Kliniken bereits bemerkenswert eng in der Weiterbildung von jungen Ärzten zusammen. Vor allem mit diesem „Integrierten Konzept“ wurde bei den Medizinstudenten Werbung gemacht.

Teilnehmer der Aktion sprachen von einem „Schulterschluss“ von niedergelassenen Ärzten und den regionalen Krankenhäusern. Ein teilnehmender Hausarzt aus Homberg/Ohm berichtete:

Zitat:

„Es gab viele ernsthafte Interessentinnen und Interessenten für Stellen in den regionalen Krankenhäusern. Und es gibt sie tatsächlich noch, die Medizinstudentinnen und -studenten, die es sich vorstellen könnten, Hausärzte auf dem Land zu werden.“

Der Vogelsbergkreis war auf der Image-Messe der einzige Anbieter, der gezielt für die Weiterbildung zum Allgemeinmediziner geworben hat.

Die Messe in Gießen hat gezeigt, dass der Uni-Standort Gießen für den Vogelsberg tatsächlich sehr nah ist. In der Folge der Messe habe es etliche Anfragen bezüglich Famulaturen (Praktikumszeiten während des Medizinstudiums) gegeben. Die Struktur der Krankenhäuser in Lauterbach, Alsfeld und Schotten bieten ein breites Weiterbildungsspektrum – die Studierenden suchen offenbar genau das.

Es gab viele Nachfragen zum Stichwort „Integrierte ärztliche Weiterbildung zum Hausarzt“. Hier wünschen sich die Studenten über die gesamte Weiterbildungszeit ein möglichst fest stehendes Weiterbildungsprogramm. Insbesondere Frauen fragten nach flexiblen oder gleitenden Arbeitszeiten – Kinder sollen erst in die Schule gebracht werden können. Konkrete Angebote einer Kinderbetreuung können als sehr wichtig eingeschätzt werden.

Ausblick: Kommunikation und Kooperation versus
Konkurrenz scheinen möglich

Es ist erfreulich, dass die Kommunikation zwischen den verschiedenen Akteuren des Gesundheitswesens im Vogelsbergkreis in diesem Arbeitskreis immer besser wird. Inzwischen wird es immer klarer, dass zukünftig auch eine bessere Zusammenarbeit der Region mehr als eine Konkurrenz nutzt.

Die übergeordneten Rahmenbedingungen müssen allerdings auch stimmen. Dies wurde in Berlin erkannt, weshalb das Versorgungsstrukturgesetz entstand. Und auch in Wiesbaden wurden Schritte eingeleitet: Im Juni 2011 haben die Kassenärztliche Vereinigung Hessen, die Landesärztekammer Hessen und die Hessische Krankenhausgesellschaft (HKG) die Koordi¬nierungs¬stelle Weiterbildung Allgemein¬medizin gegründet.

Darüber hinaus freue ich mich sehr über den vor wenigen Tagen geschlossenen „Hessischen Pakt zur Sicherstellung der gesundheitlichen Versorgung“, sehr geehrter Herr Sozialminister Grüttner!

In diesem Pakt zwischen Ärzteverbänden, HLT und Landesregierung werden Vereinbarungen zu genau jenen Kategorien getroffen, die wir auch im Vogelsberg als heraus ragend identifiziert hatten: zum Beispiel – Ärztliche Ausbildung, Allgemeinmedizinische Weiterbildung, Förderung der Ansiedlung junger Mediziner und Modellprojekte zur Delegation von ärztlichen Leistungen. Es ist sehr wohltuend zu realisieren, dass sich die verschiedenen Handlungsebenen der Politik synchronisieren und vernetzen.

Meine Damen und Herren,

es bleibt Aufgabe von Landes- und Regionalpolitik, die Lebenswirklichkeit für die uns anvertraute Bevölkerung günstig zu beeinflussen. Das Beispiel Vogelsbergkreis zeigt: Mögliche Innovationen müssen vor allem von denen getragen werden, die es angeht. Und das sind die Ärztinnen und Ärzte in den Landarztpraxen und in den kleinen Städten. 

Diejenigen einbinden, die es angeht

Dem Landkreis und seiner Fachbehörde Gesundheitsamt kommt in dem zwischenzeitlich verstetigten Prozess eine zentrale Bedeutung als Koordinator und Ideenbündler zu – in der  Vernetzung zwischen niedergelassenen Ärzten und Krankenhäusern. 

Attraktivität des ländlichen Raumes sichern

Ob wir wollen oder nicht: Wir stehen im Wettbewerb mit anderen schrumpfenden Regionen mit genau den gleichen Problemen, die auch junge Ärztinnen und Ärzte zu sich holen wollen. Wir sind hier alle gefordert, - den Schwierigkeiten der öffentlichen Kassen zum Trotz - die Attraktivität unserer Region zu erhalten und zu erhöhen. Es ist unsere Pflicht, in diesen Wettbewerb einzutreten.

Auch wenn der Landkreis keinerlei Zuständigkeit für die Versorgung mit Hausärzten hat, so steht er doch politisch und moralisch in der Verpflichtung, pragmatisch – und ohne sich dabei zu verheben – mitzuhelfen, damit dieses wichtige Kriterium der Lebensqualität im ländlichen Raum, nämlich eine wohnortnahe, zuverlässige und qualitativ hochwertige Versorgung mit Gesundheitsdienstleistungen, für die Bürgerinnen und Bürger zeitnah und auf längere Sicht gesichert werden kann.

In unserem Vogelsberger Konzept wird deutlich: es gibt durchaus zum Teil deutliche Unterschiede, was das Verhältnis Arzt zu Patientenanzahl angeht. Daher soll in einem ersten Schritt heraus gefunden werden, wo Kapazitäten regional anders aufgeteilt werden könnten. Der zweite Schritt: die Koordination der Weiterbildungsstätten für Allgemeinmediziner. Hier kommen dann übrigens wieder unser Kreiskrankenhaus, aber auch die anderen Krankenhäuser, ins Spiel. Das Kreiskrankenhaus verstärkt seinen Weiterbildungsschwerpunkt bewusst im Bereich der Allgemeinmedizin. Ein dritter Schritt sieht vor, neue Kooperationsformen von Praxen mit der neuen Möglichkeit zu verbinden, Ärzte im Angestelltenverhältnis – auch in Teilzeit – zu beschäftigen.

Nichts überstülpen, sondern vorhandene Strukturen
wertschätzend weiter entwickeln

Das Konzept unterscheidet sich grundlegend von anderen Empfehlungen. Es baut darauf auf, die bestehenden Arztpraxen von innen heraus unter Wertschätzung vorhandener Strukturen weiter zu entwickeln, anstatt sie von außen vorgegebenen Konzepten unterzuordnen. Nichts soll „übergestülpt“ werden. Mit dieser Haltung haben wir in der Konzeptentwicklung im Bereich Dorf- und Regionalentwicklung hervorragende Erfahrungen gemacht.

Meine Damen und Herren,

was nicht in dem Konzept steht, das füge ich mit Nachdruck an: wie in einem Brennglas erscheinen die Arbeits- und Lebensbedingungen der Arzt-Familien. Sie wollen – gemeinsam mit allen anderen Familien – das vorfinden, was das Leben hier attraktiv und qualitätvoll macht. Sie wollen

Familie und Beruf unter einen Hut bringen

sie wollen Strukturen vorfinden – von Kinderbetreuung, über Ganztagsangebote in Schulen bis hin zu Sport, Freizeit und Kultur – , die verlässlich sind. Strukturen, die die Entscheidung, hier zu bleiben oder gar hierher zu kommen, wesentlich beeinflussen. 

Junge, frisch ausgebildete Ärztinnen und Ärzte, die massenweise ins Ausland gehen – ein Skandal in meinen Augen -, werden wir wahrscheinlich nicht in die ländlichen Räume holen. Aber wir stehen im Standortwettbewerb mit denen, die auch junge Mediziner in attraktive Regionen holen wollen. Wir sind alle hier gefordert, an dieser Attraktivität unserer Region zu arbeiten – trotz des Desasters in den öffentlichen Kassen. Es ist unsere Pflicht, in diesem Wettstreit nicht zu resignieren.

Ich kann unser Vogelsberger Modell nur weiter empfehlen.

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ENDE REDE LANDRAT MARX

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Die nächste Klinik-Kontakt-Messe an der Uni Gießen ist für den 21. Mai 2012 vorgesehen.

Der Vogelsbergkreis wird sich erneut beteiligen.

Wie der Geschäftsführer des Kreiskrankenhauses, Assmuss, berichtet, konnte sein Haus aufgrund der Messe einen Arzt gewinnen und viele Praktikumsstellen besetzen.

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Pressemitteilung des Wirtschaftsministeriums vom 25. Januar 2012:

Wirtschaftsminister Dieter Posch und Sozialminister Stefan Grüttner: „Sicherung der Daseinsvorsorge nur gemeinsam möglich – wichtige Akteure sind die Kommunen und Regionen“

„Ziel der Landespolitik ist die Stärkung des ländlichen Raumes und seine Entwicklung als eigenständiger Wirtschafts- und Lebensraum. Dies erfordert auch Lösungen  auf interkommunaler oder regionaler Ebene. Die zentralen Akteure sind dabei die Kommunen, Kreise und Regionen, nur sie können die in den Kommunen vordringlichen Themen benennen“, sagten der Hessische  Wirtschaftsminister Dieter Posch und der Hessische Sozialminister Stefan Grüttner heute vor mehr als 100 Gästen auf dem Praxisforum „Ärztliche Versorgung auf dem Land“ in Friedrichsdorf. Die Minister stellten die planerischen Strategien der Landesregierung zur Sicherung der Versorgungsfunktionen in den vom demografischen Wandel betroffenen ländlichen Regionen vor und sicherten den Regionen die Unterstützung der Landesregierung zu.

Als unerlässlich bezeichnete beide Minister eine gute medizinische Versorgung. „Sie ist ein Standortfaktor bei der Ansiedlung neuer Unternehmen und bei der Rekrutierung von Fachkräften. Sie ist zudem eine Investition in die Vitalität unserer Dörfer und Landstädte“, erklärte  Posch. Deshalb fördere das Land Projekte der sozialen Infrastruktur wie etwa Ärztehäuser, sozialtherapeutische Einrichtungen oder medizinische Dienste mit Darlehen und Bürgschaften.
Der Wirtschaftsminister wies auf die große Bedeutung von Regionalstrategien zur Daseinsvorsorge hin. Die Aufnahme der Kreise Vogelsberg und Hersfeld-Rotenburg sowie der Region SPESSARTregional ins Aktionsprogramm regionale Daseinsvorsorge des Bundes sei eine große Chance: „Das Land wird die Regionen dabei unter Einbindung der Servicestelle Demografie unterstützen. Es wäre wünschenswert, wenn alle Regionen von den Erfahrungen profitieren und den fachübergreifenden Dialog zur Sicherung der Daseinsvorsorge führen würden.“
„Bei der Erstellung vo

Regionalstrategien zur Daseinsvorsorge gilt es auch, im Hinblick auf die demografische Entwicklung für zukunftsfähige und weiterhin bedarfsgerechte Versorgungsstrukturen im Gesundheitswesen zu sorgen. Hierfür sind Strukturreformen notwendig, die eine engere Zusammenarbeit von niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten sowie Krankenhäusern ermöglichen. Sowohl das GKV-Versorgungsstrukturgesetz als auch der Hessische Pakt zur Sicherstellung der gesundheitlichen Versorgung haben neue, effiziente Unterstützungsmaßnahmen geschaffen, mit denen die notwendigen Strukturreformen eingeleitet werden können“, erklärte Sozialminister Stefan Grüttner.

Statistisch gesehen hat Hessen genug Ärztinnen und Ärzte, allerdings sind sie räumlich ungleich verteilt. Während in städtischen Regionen eine Überversorgung besteht, können Arztpraxen auf dem Land nur schwer wiederbesetzt werden. Dies führt in ländlichen Regionen zu längeren Anfahrts- und Wartezeiten oder sogar zu lokalen Versorgungsengpässen. „Die Hessische Landesregierung hat daher mit den Vertretungen von Ärztinnen und Ärzten und Krankenhäusern, den Kranken- und Ersatzkassen, den Kommunalen Spitzenverbänden und den Hochschulen ein umfangreiches Maßnahmenpaket verabschiedet, das u.a. die Förderung der Niederlassung von Ärztinnen und Ärzten in Gebieten mit regionalem Versorgungsbedarf vorsieht. Allein dafür stellen die Partner des Pakts jährlich 600.000 Euro zur Verfügung. Weiterhin werden die Verbesserung der Aus- und Weiterbildung von Ärztinnen und Ärzten oder die Einrichtung von Begleitdiensten für Patientinnen und Patienten unterstützt“, erläuterte Grüttner.

Die Kassenärztliche Vereinigung Hessen hat die aktuelle ambulante Versorgungssituation in allen hessischen Landkreisen und kreisfreien Städten analysiert und die Ergebnisse auf ihrer Website bereitgestellt. Ihr Vizevorsitzender Dr. Gerd W. Zimmermann stellte Wege vor, Lücken in der Versorgung zu schließen. Sie reichen von der Niederlassungsberatung für Ärztinnen und Ärzte und der Information über neue Versorgungs- und Kooperationsformen bis hin zu den neuen Fördermöglichkeiten des GKV-Versorgungsstrukturgesetzes des Bundes und den Maßnahmen des Hessischen Paktes. „Die KVH ist sehr frühzeitig eine Kooperation mit dem Hessischen Landkreistag eingegangen, um die Versorgungssituation in den ländlichen Regionen Hessens zu analysieren und über gemeinsame Maßnahmen zu beraten“, erklärte Dr. Zimmermann.

Finanzielle Förderangebote – Unternehmerkredite, Bürgschaften oder die Förderung aus dem Programm „Gründungs- und Wachstumsfinanzierung Hessen“ und des Hessischen Pakts zur Sicherstellung der gesundheitlichen Versorgung – wurden von Ulrich Lohrmann aus dem Beratungszentrum der Wirtschafts- und Infrastrukturbank Hessen und von Jörg Osmers, Abteilungsleiter Gesundheit im Hessischen Sozialministerium, vorgestellt. 
Fünf Beispiele aus der Praxis zeigten, was Verantwortliche vor Ort tun können, um die ärztliche Versorgung auf dem guten Niveau zu halten. Landrat Stefan Reuß hat im Werra-Meißner-Kreis einen Masterplan erarbeiten lassen, der die ärztliche Versorgungssituation detailliert analysiert und Handlungsempfehlungen gibt, u. a. die Priorisierung von Hausarztstandorten oder die Kooperation mit Taxiunternehmen.

Im Vogelsbergkreis hat Landrat Rudolf Marx eine Projektgruppe „Ärztliche Versorgung“ eingerichtet. Ärztinnen und Ärzte, Kreisverwaltung u. a. haben ein Handlungskonzept erarbeitet und eine Gesundheitskonferenz durchgeführt. Unter dem Motto „Medizin (er)leben im Vogelsberg“ haben Landkreis und Ärztinnen und Ärzte auf der Klinik-Kontaktmesse in Gießen für die Niederlassung im Kreis geworben. Bürgermeisterin Dr. Birgit Richtberg hat sich dafür eingesetzt, dass in der Stadt Romrod ein Hausarztzentrum eingerichtet werden konnte, in dem der Praxisinhaber als Unternehmerarzt tätig ist, der andere Ärztinnen und Ärzte - auch in Teilzeit - angestellt hat. Diese Form der Praxisführung bietet z. B. Ärztinnen mit kleinen Kindern die Möglichkeit, in Teilzeit zu arbeiten, ohne Nacht- und Wochenenddienste und ohne unternehmerisches Risiko.

Die Verbundweiterbildung für Hausärztinnen und - ärzte im Main-Kinzig-Kreis ist ein weiteres Beispiel für die Sicherung der ärztlichen Versorgung auf dem Land. Dr. med. Willi Heinrich und Prof. Dr. Hahn stellten vor, wie die Kooperation zwischen Klinik und Hausarztpraxis für den nötigen Nachwuchs auch in dünn besiedelten Gegenden sorgt. Prof. Dr. med. G.-André Banat, stellv. Ärztlicher Direktor des Gesundheitszentrums Wetterau gGmbH,  stellte das medizinische Clustermanagement vor. Durch diese Verzahnung der Leistungsanbieter erhält der Patient - unabhängig davon, an welcher Stelle er das Gesundheitssystem betritt  die für ihn bestmögliche medizinische Versorgung, weil Krankenhäuser, niedergelassene Ärztinnen und Ärzte, Reha-Einrichtungen, häusliche Pflegeorganisationen u. a. eng vernetzt sind.

HINTERGRUND:

Das „Kompetenznetzwerk Vitale Orte 2020“ ist ein Projekt der Nachhaltigkeitsstrategie des Landes Hessen unter Federführung des Hessischen Wirtschaftsministeriums und der Bürgermeisterin der Stadt Schotten, Susanne Schaab. Begleitet wird das Kompetenznetzwerk von einer Projektgruppe, in der Kommunen, Landkreise, Regionen, Behörden und Institutionen vertreten sind, denen die Entwicklung des ländlichen Raums ein Anliegen ist. https://www.hessen-nachhaltig.de/web/vitale-orte-2020