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Demografie: Landrat Marx plädiert für den Ausbau und die Ermutigung bürgerschaftlichen Engagements

17.01.2012 Von: Pressestelle Vogelsbergkreis

Auf dem Kongress der Stiftung Ettersburg, die im Bürgerhaus Romrod stattfand, nahmen 150 Interessierte aus den Bereichen Politik, Wissenschaft und Verwaltung teil. Vordere Reihe von links: Bürgermeisterin Susanne Schaab (zugleich Projektleiterin des "Kompetenznetzes Vitale Orte 2020" bei der Hessen-Agentur), Margit Wagner (Leiterin Dorf- und Regionalentwicklung), Erster Kreisbeigeordneter Manfred Görig, Landrat Rudolf Marx und Bürgermeisterin Dr. Birgit Richtberg. Foto: Erich Ruhl, Pressestelle Vogelsbergkreis

"Zwischen Stabilität und Niedergang - Die Zukunft der Dörfer in Deutschland" - Kongress der Stiftung Schloss Ettersburg im Bürgerhaus Romrod am 16. Januar 2012

Rede Landrat Rudolf Marx

Sehr geehrter Frau Dr. Richtberg,
sehr geehrter Herr Drosse (Vorstand Stiftung),
sehr geehrter Herr Prof. Bennert (wissenschaftl. Direktor der Stiftung)
sehr geehrter Herr Staatssekretär  Saebisch,
sehr geehrter Herr Dr. Mager (Referatsleiter HMWVL, im Vorstand der Stiftung)
sehr geehrte Referentinnen und Referenten der heutigen Veranstaltung,
sehr geehrte Damen und Herren,

die Zukunft der Dörfer und Gemeinden im ländlichen Raum wird verstärkt als ein zentrales gesellschaftliches Thema wahrgenommen. 

Daher begrüße ich es sehr, dass im Auftrag der Stiftung Schloss Ettersburg die Studie zur Zukunft der Dörfer – mit dem diskussionsträchtigen Untertitel „Zwischen Stabilität und demografischem Niedergang“ – durchgeführt wurde. 

Mein Dank geht an die Stiftung und an das hessische Wirtschaftsministerium, dafür, dass sich der Vogelsbergkreis als Teilnehmer dieses Pilotvorhabens mit seinen Kommunen und mit dem Amt für den Ländlichen Raum in der Kreisverwaltung konstruktiv in den Prozess einbringen konnte und im Ergebnis verwendbare Daten und Erkenntnisse für weiterführende Diskussionen und Handlungsansätze vorliegen.

Wir kommen mit dieser wichtigen Studie weg von einem „gefühlten Demografieproblem“ hin zu belastbaren Daten, die uns die Möglichkeit eröffnen, den Kontext besser beurteilen und Handlungsableitungen zielsicherer treffen zu können.

Die Resonanz der Veranstaltung zeigt, dass die Themen Demografie und die Zukunft des ländlichen Raumes im Fokus der Betrachtung liegen und auf großes Interesse stoßen.

Verehrte Gäste,

herzlich willkommen im Vogelsbergkreis, in der Mitte Hessens.

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir kennen die Zahlen zur bisherigen Bevölkerungsentwicklung und die gängigen Prognosen für den Vogelsbergkreis, auf kommunaler Ebene und zum Teil auf Ortsebene.

Wir wissen, dass Dorf nicht gleich Dorf ist und die Zukunftsfähigkeit mit eher steuerbaren und mit weniger beeinflussbaren Faktoren zusammenhängt.
Das wird ja im Laufe dieses Forums noch hinreichend thematisiert werden.

Lassen Sie mich zwei zentrale Aspekte für den Umgang mit Demografie und für Zukunftschancen von Dörfern bereits an dieser Stelle ansprechen:

These 1:
Die ehrliche Information der Bürgerschaft ist unverzichtbar und unaufschiebbar.

These 2:
Die verantwortliche Politik sollte das bereits wahrnehmbar starke bürgerschaftliche Engagement als Motor für Stabilität weiter ausbauen, ermutigen und unterstützen. 

Ich habe kürzlich in einem Pressegespräch betont:
Mir ist um die Zukunft unserer Region nicht bange, wenngleich wir unbestritten vor großen und vielschichtigen Herausforderungen stehen.

Wir haben uns zum Ziel gesetzt, mit unseren Stärken und vorhandenen Ressourcen, - damit meine ich vor allem die gute Vernetzung der regionalen Akteure und die erprobten Beteiligungsmodelle - , den „Vulkan Vogelsberg“ in die Zukunft zu führen. Vernetzung scheint in der Tat unsere Kernkompetenz, ja strategisch unser Markenkern zu sein. 

Es geht um die gemeinsame strategische und integrative Bearbeitung wichtiger Themen der Daseinsvorsorge und weiterer Zukunftsthemen. Wir wollen neue Wege modellhaft ausprobieren und heute die Weichenstellungen für die Zukunft in 10 bis 20 Jahren entwickeln.

Wir sind auf einem guten Weg – das zeigen zahlreiche Projekte. Die Dorf- und Regionalentwicklung des Landes Hessen war und ist dabei sehr hilfreich.

Beispielhaft nenne ich:

Die von mir etablierte Projektgruppe Demografie aus Vertretern von Kommunen, externen Fachexperten und Kreisämtern,

den runden Tisch zur Sicherstellung der hausärztlichen Versorgung (Kommunen, Ärzte, Kreis; ich werde auf dem Praxisforum am 25.01. im Rahmen des Kompetenznetzes Vitale Orte 2020 in Friedrichsdorf darüber berichten),

die Verzahnung der Erkenntnisse aus einer Befragung der Jugendamts im Rahmen des Vielfalt-Projekts – diese Erkenntnisse fließen jetzt in die Dorferneuerungspolitik ein,

wir sind eine der 25 bundesweiten Bioenergieregionen, wir sind auf dem Weg zur Ingangsetzung des Geoparks, im engen Kontext dazu steht das Naturschutzgroßprojekt im Vogelsberg.

Wir starten aktuell als eine der 21 ausgewählten Modellregionen zur „Erarbeitung einer Regionalstrategie Daseinsvorsorge“ im Rahmen der Initiative ländliche Räume des Bundesbauministeriums (die öffentliche Auftaktveranstaltung wird am 27. Februar sein). Ich lade Sie daher ein, einen Blick auf das aufgestellte Plakat zum Thema „MORO“ dazu zu werfen. Kernthemen werden sein: Jugendliche/Bildung/Fachkräfte, technische Infrastruktur/Siedlungsentwicklung, Senioren/Pflege.

Wir werden unsere gemeinsame Lobbyarbeit erheblich verstärken, verstärken müssen, damit die besonderen Anforderungen des ländlichen Raumes Berücksichtigung finden. Standards müssen hier anders sein als in den städtischen Ballungsräumen. Es geht um Änderungsvorschläge für die Einflussnahme auf Vorschriften, Normen und Standards der Daseinsvorsorge. 

Diese unverzichtbare und berechtigte Lobbyarbeit werden wir umso robuster und konturenschärfer leisten können, als wir erkennbar und glaubwürdig eigene Handlungsoptionen auch wirklich erkennen und anpacken. 

Die bereits skizzierten Modellvorhaben und die Studie „Zukunft der Dörfer“ mögen auch Grundlage und Plattform dafür sein, die begonnene Diskussion nach differenzierten Standards für den ländlichen Raum und für mehr Eigenverantwortung und Entscheidungskompetenz mit größerer Durchschlagkraft weiter zu führen.

Ich bin gespannt auf die heutigen Beiträge zur Gestaltung der Zukunft im ländlichen Raum aus Sicht der Landesregierung, aus Forschung und Lehre und der regionalen Akteure vor Ort.

Ich wünsche der Veranstaltung einen guten Verlauf und neue Erkenntnisse zu dem Megathema Demografie und ländlicher Raum.


Hessisches Ministerium für Wirtschaft, Verkehr und Landesentwicklung

Pressemitteilung

Wiesbaden, 16.01.2012

Forum der Stiftung Schloss Ettersburg in Romrod „Die Zukunft der Dörfer in Deutschland“

Wirtschaftsstaatssekretär Steffen Saebisch:

„Es gibt keine einzige Patentlösung für die demografischen Herausforderungen, aber eine Vielzahl von fachübergreifenden integrierten Ansätzen“

„Wir alle wissen, dass der demografische Wandel eine der zentralen Herausforderungen für Gesellschaft, Wirtschaft und Politik im 21. Jahrhundert darstellt. Es wird keinen gesellschaftlichen Bereich und niemanden geben, der davon unberührt bleibt“, sagte der Hessische Wirtschaftsstaatssekretär Steffen Saebisch heute in Romrod auf dem Forum „Zukunft der Dörfer“ der Stiftung Schloss Ettersburg, wo er zu den Herausforderungen des demografischen Wandels in den hessischen Dörfern sprach.

Um die kleinräumigen Auswirkungen des demografischen Wandels deutlich zu machen, habe das Hessische Wirtschaftsministerium im vergangenen Jahr von der Hessen Agentur erstmals eine flächen­deckende Bevölkerungsvorausschätzung für alle hessischen Gemeinden bis 2030 erarbeiten lassen (www.hessen-nachhaltig.de/web/vitale-orte-2020). Diese Untersuchung gebe wichtige Orientierungen und zeige Handlungsbe­darf auf.

„Die Ergebnisse machen aber auch deutlich: Ein Bevölkerungs­rück­gang bedeutet nicht automatisch eine negative Entwicklung für die Ge­meinden im ländlichen Raum. Es gibt viele Beispiele für einen gelungenen Um­gang mit den demografischen Veränderungen. Entscheidend ist, dass die Dörfer im Zuge des demografischen Wandels weiterhin lebenswert blieben“, so der Staatssekretär.

Das Land habe die Herausforderungen für den ländlichen Raum aktiv aufge­griffen und unterstütze die Gemeinden und Regionen in vielfältiger Form. So wurde Anfang 2011 die Servicestelle „Demografie“ bei der Hessen Agentur (servicestelle.vitale-orte(at)hessen-agentur.de) eingerichtet, die alle Informationen, Fördermöglichkeiten, Weiterbildungsangebote und Hand­reichungen zum demografischen Wandel bündele und leicht zugänglich mache. Hier werde sichergestellt, dass sich alle Ebenen und Akteure miteinander vernetzten, voneinander lernten und Erfahrungen austauschen könnten.

„Für uns hat die Sicherung der Daseinsvorsorge im demografischen Wandel eine herausragende Bedeutung. Dieser Aspekt nimmt auch in einer Studie der Stiftung Schloss Ettersburg eine dominierende Rolle ein“, so Saebisch. Damit der ländliche Raum seine Attraktivität behalte, sei es von großer Bedeutung, die Versorgung der Bevölkerung im Nah­bereich mit wichtigen Gütern und Dienstleistungen zu sichern. Das Land unterstütze aus diesem Grund die Sicherung der Daseinsvorsorge z.B. mit Zuschüssen für arbeitsplatzschaffende Existenzgrün­dungen, wie für die Eröffnung eines Lebensmittelgeschäfts oder einer Bäckerei. Grundsätzlich würden Projekte finanziell ge­fördert, an denen ein gesellschaftliches Interesse bestehe, wie Einrichtungen zur Kinderbe­treuung, zur medizinischen Versorgung, aber auch Dienstleistungs- und Einkaufsmöglich­keiten. Wichtige Elemente der Förderung seien mehr und mehr fachübergreifende integrierte Entwicklungskonzepte und inter­kommunale Lösungsstrategien. Saebisch: „Vor allem kleine Kommunen sollten ihre Position gemeinsam stärken und nicht in einen unergiebigen gegenseitigen Wettbewerb treten“.

Ein bedeutender Faktor für eine positive Entwicklung des länd­lichen Raums sei die Siche­rung der ökonomischen Erwerbs­grund­lagen. Die ländlichen Gebiete in Hessen könnten dabei gestützt durch eine voraus­schauende regionale Strukturpolitik und den Ausbau der wirt­schafts­­nahen Infrastruktur auf bedeutende Erfolge verweisen. In den vergangenen Jahren habe sich die Beschäftigung dort überdurchschnittlich erhöht und die Arbeitslosigkeit sei ganz erheblich zurückgegangen. Die gute Arbeitsmarktlage weise aber auch auf ein knapper werdendes Arbeitskräfteangebot hin. „Sehr wichtig ist es daher, so Saebisch, junge Menschen in den ländlichen Regionen zu halten, da sie als qualifizierte Fachkräfte dringend gebraucht werden“.

Erheblichen Einfluss auf die Gemeindeentwicklung habe die Lösung des Problems der demografisch verursachten Gebäude­leerstände. Mit den Programmen der Städtebauförderung und Dorfentwicklung würden Maßnahmen unterstützt, um bauliche Mängel zu beheben und die Ortskerne attraktiver und lebens­werter zu gestalten. Deshalb seien ein kommunales Baulücken- oder Leerstandskataster und ein entsprechendes Flächen­manage­ment. unabdingbar für die Umsetzung nachhaltiger Lösungsstrategien. Das Land werde daher allen interessierten Kommunen kostenlos eine „Flächen­­management-Datenbank“ anbieten, mit der Baulücken und leer stehende Gebäude erfasst, aktiviert und einer Vermarktung zugeführt werden könnten. Zurzeit werde die Flächenmanagementdatenbank in sechs hessischen Kommunen getestet, und dann voraussichtlich ab Sommer dieses Jahres allen Kommunen in Hessen zur Verfügung stehen.

„Es gibt keine einzige Patentlösung für die demografischen Herausforderungen, aber es gibt eine Vielzahl von fachübergreifenden integrierten Ansätzen, um dem demografischen Wandel erfolgreich zu begegnen“, so der Staatssekretär abschließend.

www.wirtschaft.hessen.de

Vortrag von Frau Dr. Maren Heincke

Diplom-Agrar-Ing., Referentin für den ländlichen Raum der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN)

Dr. Maren Heincke von der Evangelischen Kirche plädierte für einen klaren Blick auf die Wirkungen des Wandels für den Einzelnen.

Wirtschafts-Staatssekretär Steffen Saebisch: "Den Wandel nicht erleiden, sondern gestalten."

Eckart Drosse, geschäftsführender Direktor der Stiftung Schloss Ettersburg, begrüßte die 150 Teilnehmer in Romrod. Fotos: Erich Ruhl, Pressestelle Vogelsbergkreis