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Demographie-Kongress der 11 hessischen Regionalforen in Romrod am 14. März 2006

16.03.2006 Von: Vogelsberg Consult GmbH

Demographie-Kongress in Romrod:

Professor Hahne: Das Prinzip

Hoffnung wird nicht reichen

120 Experten plädierten einhellig für mehr kommunale Zusammenarbeit und bürgerschaftliches Engagement

Eins ist klar: Das Prinzip Hoffnung wird nicht reichen – Verharmlosung geht nicht mehr. Diese Sätze von Dr. Ulf Hahne, Professor für nachhaltige Regionalenwicklung an der Universität Kassel, sind die Essenz eines Kongresses zum Thema Demographischer Wandel, der am Dienstag im Romröder Bürgerhaus stattfand. Gleichwohl verbreitete sich unter den etwa 120 Fachleuten aus Kommunalpolitik, Verwaltung, Verbänden, Städteplanungsbüros, Wirtschaft und Wissenschaft keine Untergangsstimmung. Die Botschaft aus Romrod heißt: verstärkte Einbindung bürgerschaftlichen Engagements und strategische Kooperation der Kommunen statt ruinösem Wettbewerb und Kirchturmdenken, bei dem letztlich alle nur verlieren können.

Die Vogelsberg Consult GmbH und weitere zehn hessische Regionalforen hatten am Dienstag in den Vogelsbergkreis eingeladen, um der Frage nachzugehen: Wohin geht der ländliche Raum angesichts der negativen Bevölkerungsentwicklung? So lautet etwa die Vorhersage von Professor Hahne, dass die Bevölkerung in Nord- und Mittelhessen bis 2020 zwischen 5 und 20 Prozent schrumpfen wird.

Der Vogelsberger Landrat Rudolf Marx und Romrods Bürgermeisterin Dr. Birgit Richtberg plädierten in ihren Reden eindringlich, das Potenzial bürgerschaftlichen Engagements viel stärker als bisher zu nutzen und entsprechend zu motivieren. Richtberg: „Das bringt uns mehr Heimat, mehr Identität, mehr Lebensqualität.“ Weder die Verwaltungen noch die verantwortlichen demokratischen Gremien könnten die Anforderungen alleine schultern, „wenn die Regionen attraktiver werden oder vielleicht auch nur ihr bisheriges Niveau halten wollen“, betonte Landrat Marx, der auch als Vorsitzender des Vogelsberger Entwicklungsforums seine Hoffnung ausdrückte, mit dem Romröder Kongress eine breite öffentliche Debatte anzustoßen.

Stefan Schulte, Sprecher der hessischen Regionalforen, berichtete, auch mit Hilfe bürgerschaftlichen Engagements in den Foren, seien 1000 neue Arbeitsplätze entstanden. Die Regionalforen arbeiteten somit schon seit Jahren „gegen den Trend“. Die Menschen in der Region mit ihren Fähigkeiten bezeichnete Schulte als „das wichtigste Kapital“. Er bewertete das von Vogelsberg Consult und Sabine Jennert (Regionalberatung imkontext, Fulda) organisierte Symposium als „ermutigend“ angesichts des großen Interesses von Fachleuten und verantwortlichen Bürgermeistern.

„Wir wollten bewusst einen Impuls setzen für Bürgermeister und verantwortliche Kommunalpolitiker“, kommentiert Thomas Schaumberg, Geschäftsführer der Vogelsberg Consult, den Kongress. Es gehe darum, den Schrumpfungsprozess positiv zu gestalten. Es seien nicht nur Theorien und Statistiken bewertet, sondern auch konkrete und funktionierende Lösungen aus der Praxis vorgestellt worden. So habe Bürgermeister Gilgenast aus der Region Rendsburg in Schleswig-Holstein ein erfolgreiches Modell der Zusammenarbeit von 13 Kommunen vorgestellt, das er auch auf den Vogelsbergkreis für „übertragbar“ halte, insbesondere was die in einer Regionalkonferenz mit Einstimmigkeits-Prinzip abgestimmte Ausweisung von

Wohn- und Gewerbeflächen angehe. Die „13“ haben auch einen Fonds gegründet, über den sie Leitprojekte auf den Weg bringen und die Kofinanzierung beispielsweise für EU-Mittel bereit stellen.

Professor Ulf Hahne hatte in seinem Vortrag nach dem „Verwerfen des Prinzips Hoffnung“ zunächst zwei mögliche Verhaltensweisen beschrieben. So könne eine Kommune auf Spezialisierung setzen, beispielsweise auf die „familienfreundliche Kommune“. Sie könne sich auch auf das Prinzip Anpassung orientieren, was Rückbau und Konzentration von Angeboten bedeuten würde. Am besten sei jedoch das Prinzip der Kooperation mehrerer Kommunen und mehr bürgerschaftliches Engagement.

Carsten Große Starmann von der Bertelsmann Stiftung stellte ein wichtiges Werkzeug als „Frühwarnsystem“ vor: den „Wegweiser Demographischer Wandel“ mit dem Internetportal

http://www.wegweiserdemographie.de

 

 

 

Darin bestehe sehr nutzerfreundlich die Möglichkeit, sich über den Stand heute, Indikatoren und Analysen sowie die Prognosen für die eigene Stadt (Einwohnerzahl über 5.000) oder den Landkreis zu informieren. Darüber hinaus werden sogar Handlungsvorschläge unterbreitet, was direkt in den gemeindlichen Gremien oder Vereinen genutzt werden könne. Große Starmann stellte die These auf: „Die Kinder- und Familienfreundlichkeit ist immer der wichtigste Standortfaktor“. Gute konkrete Beispiele sind zu finden unter

 

http://www.demographie-konkret.de

 

Andreas Nickel, Bürgermeister von Großalmerode, berichtete von positiven Beispielen bürgerschaftlichen Engagements. Dabei sei die Kommune nur als Partner, aber nicht mehr als Veranlasser aufgetreten. Ob der Anbau für den Sportverein, die Flutlichtanlage, der Kühlraum für die Friedhofshalle oder die Rettung eines Sparkassenautomaten – überall habe echter Bürgersinn Dinge überhaupt erst ermöglicht und erheblich verbilligt. Das Wichtigste sei die Motivation der Bürger, betonte Nickel. Dazu brauche man Geduld, kleine Schritte, gute Beispiele, Transparenz, Ehrlichkeit, Verlässlichkeit, Lob und das unbedingte Ernstnehmen der Bürger. „Leitfiguren“ seien ebenfalls unverzichtbar.

Wie eine solche Leitfigur aussehen könnte, wurde beim Vortrag in einem Workshop am Nachmittag deutlich: Bürgermeister Pierre Gilgenast aus der Gemeinde Fockbek in Schleswig-Holstein belegte mit Leidenschaft und Sachverstand, wie effektiv die kommunale Zusammenarbeit sein kann.

Voraussetzung: Ehrlichkeit, Offenheit, Transparenz, gleiche Augenhöhe – und nicht zuletzt eine verlässliche Struktur. In diesem Fall eine Bürgermeister-Arbeitsgemeinschaft von 13 Rathauschefs, die beispielsweise gemeinsam festlegen, wie viel Wohn- und Gewerbeflächen sie eigentlich in den kommenden zehn Jahren wirklich brauchen und dementsprechend nach Prioritäten auszuweisen.

In einem weiteren Workshop wurde ein Beteiligungsmodell aus dem Werra-Meißner-Kreis vorgestellt. Dort geht es u.a. um die Rettung von Kindergartenstandorten, Steuerung der Siedlungspolitik und Gebäudeleerstands-Management. Eine weitere Arbeitsgruppe beleuchtete ein Städte-Netzwerk aus Nordrhein-Westfalen, in dem Bürger einen eigenen Beitrag zur Sicherung öffentlicher Einrichtungen leisten. Essenz: kleine ländliche Kommunen können ohne bürgerschaftliches Engagement gar nicht überleben. Aus der Region Kassel-Land wurde über demographiegerechte Infrastrukturplanung berichtet. Auch in dieser Arbeitsgruppe war erneut die Kernbotschaft: Über die Kommune hinaus denken und Bürger einbinden.

Medienpartner der Veranstaltung war der Hessische Rundfunk. HR-4-Moderator Tobias Hagen appellierte in seiner Zusammenfassung eindringlich, die Bürgerinnen und Bürger ernst zu nehmen, sonst entstehe kein Engagement. Der Kongress in Romrod war Auftakt einer fünfteiligen Veranstaltungsreihe „Quo vadis ländlicher Raum?“, die unter der Schirmherrschaft von Dr. Franz Alt steht. Die nächsten Termine: 16. Mai, Bad Wildungen, Thema Tourismus. 27. September, Hofgeismar, Thema Kaufkraft und Nahversorgung. 15. November, Neuenstein-Aua, Thema Erneuerbare Energie, mit Dr. Franz Alt. 24. Januar 2007, Mittenahr, Arbeitsplätze in der ländlichen Region.

Informationen zu dem Kongress in Romrod und zu den weiteren vier Symposien sind erhältlich bei Vogelsberg Consult GmbH, Telefon 06641 / 9646-0

 

schaumberg(at)vogelsberg-consult.de