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KREISSENIORENBEIRAT: Sucht im Alter – ein verkanntes Problem?

22.02.2017 Von: Pressestelle Vogelsbergkreis

Sucht im Alter: Etwa ein Viertel der über Siebzigjährigen ist abhängig von Medikamenten wie Schlaf- und Schmerzmittel. Foto: Gaby Richter

Kreisseniorenbeirat informierte sich zum Thema "Alter und Sucht" – Beratungszentrum Vogelsberg hilft bei Problemen

Welche Bedeutung haben Sucht und Abhängigkeit eigentlich für ältere Menschen? Dieser Frage ist der Kreisseniorenbeirat in seiner jüngsten Sitzung nachgegangen. Dazu begrüßte Vorsitzender Dr. Bernd Liller den Leiter des Beratungszentrum Vogelsberg (ehemals Jugend- und Drogenberatung) Matthias Gold. Eines vorab: „Beim Thema Sucht werden ältere Menschen oft ausgeblendet“, so der Fachmann. Dabei seien viele Ältere abhängig von Alkohol, Nikotin und vor allem von Medikamenten. Die Seniorenbeauftragte des Kreises, Rosmarie Müller, warb dafür, das  Beratungsangebot zu nutzen. Auch ältere Menschen und Profis in der Altenhilfe, die in ihrer täglichen Arbeit mit derlei Problemen konfrontiert sind, können hier wertvolle Unterstützung erfahren.

Als ausgewiesener Fachmann mit langjähriger Berufserfahrung hatte Gold interessante Informationen für die Beiratsmitglieder: Bis zu 600 Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen fänden jedes Jahr den Weg ins Beratungszentrum, um Lösungen für ihre Suchtprobleme zu finden. „Auffällig ist, dass nicht einmal fünf Prozent der Ratsuchenden über 60 Jahre alt sind. Weil Suchtprobleme in jedem Alter auftreten können, dürfte es aber wesentlich mehr Menschen geben, die eigentlich Hilfe benötigen.“ Beim Thema Sucht blende die Gesellschaft ältere Menschen aus, zumal langjährig Suchtkranke ohnehin eine um zehn bis 15 Jahre geringere Lebenserwartung hätten. Der Referent stellte dazu einige landläufige Meinungen in den Raum: "Der ältere Mensch wird nicht in der Lage sein, sein Leben zu verändern" oder "Lassen wir ihn doch noch ein paar schöne Jahre trinken und verlangen nicht von ihm die Kargheit der Suchtmittelfreiheit". Hinzu komme, dass ältere, chronisch Suchtkranke nicht besonders auffällig seien und kaum störten.

Diese Haltung sei grundlegend falsch, stellte Matthias Gold klar. "Abhängigkeitserkrankungen führen immer zu schlechter werdender Gesundheit und Leistungsfähigkeit, verminderter Lebensqualität und eingeschränkter Teilhabe am gesellschaftlichen Leben", so Gold. Während man im Allgemeinen beim Thema Sucht zunächst an illegale Drogen und Alkohol denke, spielten Nikotin und Medikamente ebenfalls eine wichtige Rolle. So sei in Untersuchungen festgestellt worden, dass bei fast einem Viertel der Menschen über 70 Jahren eine Medikamentenabhängigkeit vorliege. Insbesondere gehe es hier um Schlaf- und Schmerzmittelkonsum.

Gerade im Leben älterer Menschen gebe es vermehrt Ereignisse, die eine Abhängigkeit begünstigten: Das Wegbrechen von Sinn stiftenden Aufgaben nach dem Renteneintritt, der Verlust des Partners und Vereinsamung könnten den Griff zu Suchtstoffen auslösen und in einen Teufelskreis führen. „Das Fatale darin ist, dass Alkohol, Medikamente und Drogen für den Moment tatsächlich erleichternde und betäubende Wirkung haben können“, so der Referent, „aber wegen der normalen altersbedingten Veränderungen im Körper erzeugen Suchtstoffe bei älteren Menschen stärkere Wirkung.“ Was in jungen Jahren Konsumgewohnheit mit geringem Risiko war, entwickele sich zunehmend zu riskantem Konsum mit wachsender Gefahr einer Abhängigkeit. Die Folgen: Organschädigungen, höhere Sturzgefahr, Gedächtnisprobleme und Einschränkungen bei geistigen und sozialen Fähigkeiten – erheblichen Einbußen der Lebensqualität, die eigentlich bis ins hohe Alter erhalten bleiben sollte.

Matthias Gold plädierte dafür, in der Familie, bei Freunden und in der Nachbarschaft aufmerksam zu sein und sich bei Auffälligkeiten durchaus Rat bei Experten zu holen. Oft komme man bei direkter Ansprache nicht weiter, weil suchtgefährdete Menschen ihre eigene Situation unrealistisch einschätzten und ihre Probleme bagatellisierten. Fachleute könnten einem dann erklären, was man konkret tun kann und wie wichtig konsequentes Verhalten sei, um Veränderungen herbeizuführen. „Es gehört zu unserem Beratungsalltag, besorgten Familienmitgliedern, Freunden und Nachbarn weiterzuhelfen, wenn sie sich Sorgen um ihre Mitmenschen machen“, so Gold.

Das Beratungszentrum Vogelsberg hat seinen Sitz in Alsfeld und ist unter der Telefonnummer 06631/79390-0 täglich von 9 bis 17 Uhr erreichbar. Die Beratung ist kostenlos und auf Wunsch anonym. Informationen zum Beratungsangebot gibt es im Internet unter www.beratungszentrum-vogelsberg.de.